Wiener Unterwelt


Bei unseren Expeditionen in den Untergrund von Wien entdecken wir Spuren aus der 2000jahre alten Geschichte dieser Stadt. Mitunter tauchen Relikte aus der Römerzeit und dem Mittelalter im Lichtschein unserer Taschenlampen auf. Wir erforschen weiters Grüfte, Katakomben, Bunker, Stollen, Kanäle und verschwiegene Verliese, die im „Bauch“ von Wien verblieben sind. Besonders sind  die baulichen Hinterlassenschaften aus der Zeit des Bombenkrieges 1944/45 (wie Luftschutztüren, Mauerdurchbrüche, Ordnungsaufschriften, Notausstiege, phosphoreszierende Leuchtstreifen) in so manchen vergessenen Keller noch zu finden.

 

Um das facettenreiche Bild der ständig veränderten Stadt zu komplettieren, untersuchen wir auch aufgelassene Kasernen, Bürogebäude und Fabriken, die allesamt zu so genannten „Lost Places“ transformieren. Historische Gebäude aus der Monarchie und aus der Gründerzeit fallen oft ebenso dem Verdrängungs-mechanismus der neuen Zeit zum Opfer. Wir halten oft in letzter Minute - zumindest mit unseren Kameras - das Auslöschen, das Verschwinden, aber auch das Vergessen vergangener Bauzeugnisse fest.



Bildergalerie

Kommen Sie mit

Hier finden Sie faszinierende Bilder aus der Wiener Unterwelt: Von längst vergessenen Brunnen, möglichweise aus der Römerzeit, über Rudimente des mittelalterlichen Wiens bis zu den zahlreichen Relikten des Zweiten Weltkriegs. Sie alle befinden sich oft versteckt im Untergrund und warten darauf entdeckt zu werden.


In diesem Ordner finden Sie noch weiter versteckte, verschüttete, vermauerte und

verschlossene Orte.

 

 

 

Besuchen Sie mit uns:

 

 

* römische Ruinen

* mittelalterliche Mauerreste

* alte Grüfte und Katakomben

* diverse Kelleranlagen

* Versorgungsschächte

* Tunnel

* vergessene Luftschutzräume

      + Luftschutznetz "Innere Stadt"

* ehemalige Bunker

* Flaktürme

* u. a. faszinierende Hinterlassenschaften



Kurze Geschichte der Bierbrauerei

 

Die große Bierbrauerei (Spiritus- und Preßhefefabrik) gehörte zum Imperium der  Mautner Markhof Dynastie. Adolf Ignaz Mautner Markhof gründete in der Mitte des 19. Jahrhunderts dieses Unternehmen, welches zu einem der größten am europäischen Kontinent zählte. 1913 wurde durch Zusammenschluß anderer Brauereien mit Simmering und Schwechat der Standort in St. Marx stillgelegt und der Betrieb 1916 durch Rationalisierung eingestellt. Die Anlage geriet mehr oder weniger in Vergessenheit, das Areal erlangte keine Gewichtung mehr.

 

Es wurde mehrmals gemutmaßt, dass in den Kellergewölben später obsolet gewordene Kampfstoff-Granaten verschlossen wurden, was wir uns aber nicht vorstellen können, da man im Stadtgebiet von Wien solche brisanten Kriegs-Hinterlassenschaften kaum gelagert hätte. Hierfür gab es entsprechende Deponien (etwa Großmittel, südlich von Wien).

 

Siemens & Halske

 

Während des Zweiten Weltkrieges wurden weite Teile des robusten Kellers für die Rüstungsproduktion adaptiert. „Siemens & Halske“, eine Firma, die Schrauben, diverse Elektrogeräte und Motoren erzeugte, quartierte sich dort ein. Es liegt auch nahe, dass hier ein Teilfertigungsdepot für größere Waffensysteme eingebunkert war. Im ganzen „Deutschen Reich“ wurden Betriebe kriegsbedingt aufgefordert, Teile für Panzer, Flugzeuge, Schiffe oder  Raketen zu fabrizieren, die dann in Endfertigungswerken zusammengebaut wurden. Aber auch anderes Kriegsgerät, wie Granaten, Munition oder Zünder  wurden fließbandmässig hergestellt.

 

Eine Zeitzeugin, leider inzwischen verstorben, war während des Krieges bei „Siemens & Halske“ dienstverpflichtet. Frau Svoboda, 1944 16 Jahre alt, hält fest:

… ich wurde nach St. Marx in einen unterirdischen Bunker zur Arbeit geschickt. Wir arbeiteten von sechs bis vierzehn Uhr und von vierzehn bis zweiundzwanzig Uhr in Schicht. Der Stollen führte vom Eckhaus Schlachthausgasse 41 / Barthgasse an der Würtzlergasse vorbei. In dem Bunker mußte ich Anoden messen und kleine Elektrogeräte überprüfen. Zu den Nebenräumen hatten die Arbeiter keinen Zutritt. Alles war `geheime Kommandosache`. Unsere Chefs witterten überall Sabotage. Bei Bombenalarm durften die Arbeiter in den Stollen, nicht aber die Menschen aus der Umgebung …

(Marcello La Speranza, Bomben auf Wien, Ibera Verlag, 2003)

Gewaltige Kellergewölbe,  ehem. Bierbrauerei

Die große unterirische Anlage der ehemaligen Bierbrauerei in St. Marx, dürfte vielen Forschern und Historiker bekannt sein. Über diese Anlage wurde im Lauf der Zeit eine Menge unvernünftige Berichte und Phantasiegeschichten in Umlauf gebracht. Wir haben uns entschlossen, über die verschlossenen Gewölbe einen umfassenden Bericht zu veröffentlichen, zumal wir über Pläne, historische Unterlagen und Dokumente verfügen und beim seinerzeitigen Besuch eine Betretungsgenehmigung hatten. Bei unseren Erhebungen wurde unser Team

von seriösen Forschern begleitet.

 

Im Jahre 1957 wurden im Auftrag der Stadt Wien die unterirdischen großen Hallen auf einem detailreichen Plan (zeigt die Zugangsebene und die Grundrisse der oberen Bauwerke) verzeichnet. Hierbei sind auch die Notausstiege mit den Betonvorbauten erkennbar. Auch die Lage einer Wendeltreppe, die zu einer weiteren Etage führt ist zu sehen. Die riesigen Hallen und Kammern geben ein authentisches Bild über die Größe des erschlossenen Bauwerkes. Lediglich die Bereiche im N/Eck Schlachthausg. / verlängerte Baumg. konnten seinerzeit nicht vermessen werden, da diese Kammern verschüttet waren.

 

Auf der Bunkerliste aus dem Jahre 1959 (herausgegeben vom Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau) ist auch die untersuchte Anlage gelistete und mit ca. 35.000 m2 angeben: Hierbei ist zu lesen: „Arbeitsbunker, ehem. Kellerräume zur Lagerung von Bier auf den am Rinderschlachthof angrenzenden ehem. Mautner-Markhofgründen; Mauerstärken: ca. 1 m teilweise Ziegelgewölbe 70 cm, teilweise Betondecke 1.00 m; Erdbedeckung ca. 4-5 m; Anzahl der Ein- und Ausgänge: 2+1 Aus- u. Einfahrt;  Zustand: gut erhalten; Derzeitige Verwendung: teilweise als Lagerräume vermietet“

 

Großbrand

 

Laut Zeitungsberichten brach im Dezember 1977 in dem „Bunkersystem“ ein Großbrand aus. (Kurier, 16. 12. 1977). Die Feuerwehr ging mit 250 Mann, ausgerüstet mit Atemschutz- und Sauerstoffgeräten in die 15.000 Quadratmeter weitverzweigte Anlage hinein. Darin gelagerte Fässer explodierten, mehrere Feuerwehrleute wurden verletzt. Die Behörden ermittelten, dass es sich um eine Brandstiftung handelte. Interessant in dem Bericht ist die Angabe, dass es sich um „ein dreistöckiges Bunkersystem“ handelte.

 

Vergessene Fahrzeuge

 

Jahre später berichtet mir der Feuerwehrmann, Herr Krenn, heute Kustos des Feuerwehrmuseum Am Hof, von der verhängnisvollen Katastrophe und den schweren Löscharbeiten. Ein Detail, welches er erzählte, möchte ich hier ebenso festhalten, da es offensichtlich den Schlüssel zur Klärung der Legendenbildung der vergessenen Fahrzeuge in den Hallen bildet: „Man habe, nach dem Brand, in einigen Zufahrtsstollen einen Teil des  Fuhrparkes der Feuerwehr, darunter auch historische Einsatzfahrzeuge eingestellt, diese jedoch aufgrund des feuchten Klimas 1986 von dort abgezogen.“ Diese dort deponierten Fahrzeuge waren möglicherweise der Grund dafür, dass lange Zeit die Geschichte kursierte, in dem Stollen befänden sich vergessene Fahrzeuge aus der Kriegszeit. So wurde in der Vergangenheit von einigen Anrainern hartnäckig behauptet, dort unten standen bis in die 1980 Jahre Kettenfahrzeuge u. a. drei russische T 34. (Ein T 34 soll bis zum Jahre 1972 auf der Rampe des hinter dem großen Eisentor gestanden haben).

 

Im Jahre 2001 rückten Soldaten und auch Bedienstete der Staatspolizei aus, um dort vermeintliches Kriegsgerät zu bergen (Kurier, 26. September 2001: Soldaten auf Panzersuche mitten in Wien). Gefunden wurde angeblich nichts. Es wurde aber auch erläutert, denn man plante „von den tiefer liegenden Bunkerräumen aus einen Zugang zu den verschütteten oberen Räumen zu bohren“. Zumindest wurde auch in diesem Artikel eingeräumt, dass sich auf dem alten Brauereigelände mehrere Kelleretagen befinden könnten. Ob es sich dabei um Verbindungsstollen handelt, die wirklich bis zum Arsenal führen könnten, bleibt dahingestellt. So entstanden die Annahmen, dass in den verschütteten Teilen entsorgtes Kriegsmaterial, Granaten etc. verblieben sein könnten.

 

Vergessene Stollen in der Umgebung

 

Dadurch, dass sich im Umfeld der alten St. Marx Bierbrauereikeller während des Zweiten Weltkrieges vor allem im Bereich der Landstraßer Hauptstraße/Leberstraße auch zivile Luftschutzstollen errichtet worden waren (Archivmaterial in der Kartographischen Sammlung des Wr. Stadt- und Landesarchiv) werden diese Stollen oft ungerechterweise mit der St. Marxer Anlage in Verbindung gebracht. Ebenso die langen Stollen die von der Verladerampe des Schlachthofes St. Marx Richtung Rennweg laufen und die 2004 verfüllt worden waren (Presse, 1. 10. 2004), nachdem sich die Fahrbahn der Gleise der Straßenbahn am Rennweg gesenkt hatte.  (Kronen Zeitung, 23. August 2005: Emmentaler-Löcher.) All diese Stollen rund um St. Marx nährten die Gerüchte um ein weit verzweigtes unterirdisches Labyrinth, das jedoch nach und nach entzaubert wurde. In der oben erwähnten Bunkerliste aus dem Jahre 1959 werden auch diese Luftschutzstollen erwähnt und lokalisiert.

 

Zustand heute?

 

Wir vom „Forscherteam Wiener Unterwelten“ kennen inzwischen die  Anlage unter der ehemaligen St. Marx Bierbrauerei recht gut. Wenn auch immer wieder illegal Abenteurer durch enge Rohre durch die Lüftungsschächte in die Anlage hineinschlüpfen, oder diverse Zugänge aufbrechen und meinen, sie entdecken tolle Geheimnisse, so sollen sie ihrer Lust fröhnen - wir wollen mit diesen „Gestalten“ nichts zu tun haben - ; müssen aber früher oder später eingestehen, dass sie einem Phantom hinterherjagen.

 

Die leeren Hallen sind jedenfalls auf alle Fälle interessant. Die großen Gewölbe, wo an den feuchten Wänden Baumwurzeln bizarr wachsen, geben Raum für faszinierende Fotomotive. Auch wir konnten diesbezüglich einmalige Aufnahmen machen. Zeithistorische Relikte sind dort aber keine mehr vorhanden. Nur ein paar leere verrostete Fässer und ein paar Hinterlassenschaften einer Lackfabrik. Vor ein paar Jahren lag noch ein Gehäuse eines alten Radios (Telefunken) und Schachteln von Anodenbatterien herum. Einige Grafittis neueren Datums „zierten“ einige Wände. Wir wissen, dass ein Teil der Anlage von einem Schießclub genutzt wird, so liegen hier und da auch die Reste von Kleinkaliber-Patronen herum. Wir schauten uns in den Hallen genauer um. Einige hatten eine Art Zwischengeschoss. Während der Monarchie war hier unten ein riesiges Lager der Brauerei samt Eiskeller (zur Kühlung des Bieres) angelegt gewesen, es war ein florierender Großbetrieb. Davon sind aber keine Spuren mehr verblieben. An den Wänden einiger Hallen waren aufgemalte abblatternde Nummern zu lesen. Ein kleines Detail: Auf einem Ziegelstein hatte einst jemand einen Davidstern und daneben eine Sichel eingeschrieben. Beim Inspizieren der Hallen fanden sich übliche Tierleichen, so eine mumifizierte Katze.

 

(Marcello La  Speranza)

 



Tour durch Wien gemeinsam mit 1000things

Im September haben wir uns gemeinsam mit einem motivierten Team von "1000things to do in Vienna" auf den Weg gemacht, um ihnen ausgewählte geheimnisvolle Orte der Wiener Unterwelt zu zeigen.


Unsere Tour begann inmitten des 1. Wiener Gemeindebezirkes in einem drei geschossigen Keller. Über das erste Kellergeschoss (Hauskeller) gelangten wir in das zweite und dritte Geschoss, indem die Zeit still zu stehen schien. Wir gelangten in Kellerräume, deren Ursprung auf das 17. Jahrhundert zurückzuführen ist, was uns ein eingemauerter Schlußstein zu erkennen gab. Die Räume wurden während des Zweiten Weltkriegs luftschutzmäßig adaptiert und umgebaut. Zeugnisse waren u. a. die Wände, welche mit weißer, fluoreszierender, Farbe bemalt waren und auch alte Luftschutztüren. Die Abteilungstüren waren hier unten aus Betonsegmenten gefertigt, waren aber im Lauf der Zeit in Einzelteile zerbrochen. Die eisernen Rahmen der speziellen Luftschutztüren waren zerschlissen und auch nur in Fragmenten verblieben, aber die typischen Hebeln und die Gucklöcher waren zu erkennen. Der von uns erforschte Keller besitzt einen drittes Kellergeschoss, das durch steinerne Treppen erreichbar ist. Weiters entdecken wir ein verrostetes Bettgestell. Interessant waren auch die Papierfetzen, auf denen noch Hinweise auf die Belgung der Schutzkeller zu lesen waren. Wir konnten auch eine kleine aufgebrochenen Druchschlupf passieren, um in weiteren vergessenen Bereiche zu gelangen. Hier in den Tiefen der Stadt verlaufen auch verlegte Leitungen der Fernwärme. Nach zwei Stunden ging es für uns wieder ans Tageslicht und ins Getümmel der Innenstadt.


Ein weiterer Programmpunkt war ein verbliebener Tiefbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Am neuen Eingang des Bunker, ein kleiner Durchschlupf ins ehemalige Treppenhaus, wurden wir schon von dem zuständigen Mitarbeiter begrüßt, welcher uns diese bauliche Hinterlassenschaft aus der Kriegszeit aufsperrte. Auch in diesem Bunkerwerk erlebten wir und unsere Teilnehmergruppe eine Zeitreise in die Zeit unserer Eltern und Großeltern. In diesem Tiefbunker ist nahezu alles aus der Ursprungszeit der Anlage erhalten geblieben: kompakte Stahltüren, Maschinenräume, Belüftungsrohre, etc. Die faszinierenden Leuchtsreifen und die typischen Ornungsaufschriften sind beredende Zeugnisse der Vergangenheit. Der Bunker ist leider doch im Lauf der Jahrzehte feucht und muffig geworden. Stalaktiten und Stalagmiten sind in den Bunker eingezogen, sowie Schimmel.


Nach einem ereignisreichen Tag im Untergrund zeigten wir dem Team von "1000things to do in Vienna" noch unsere neueste Ausstellung "Lostplaces-Von Penzing nach Berlin" in der VHS Penzing.

Text: Lukas Arnold und Marcello La Speranza




Im Werksbunker

Damit auch die Belegschaft von kriegswichtigen Betrieben Schutz vor Bombenangriffen erhielt, wurde auf Fabriksarealen entsprechende Werksbunker bzw. Sammelschutzräume errichtet. Hierfür wurden bestehende Kellerräume adaptiert oder neue unterirdische Anlagen geschaffen, die den Sicherheitsanforderungen entsprachen: Schutz gegen Spreng- und Brandbomben, Kampfstoffe, Luftdruck, Splitter- und Trümmerschutz, …

 

Werkluftschutz

 

Dem sogenannte „Werkluftschutz“ (zählte zum „zivilen Luftschutz“) wurde eine besondere Rolle zugesprochen, wie aus zeithistorischen Merkblätter und Leitfäden zu erfahren ist. In einer Broschüre aus Juli 1940 (Wien) ist zu lesen: „Die Industrie muß nicht nur der Wehrmacht den Heeresbedarf liefern, sondern auch die Zivilbevölkerung weiter versorgen und endlich aus handelspolitischen und finanziellen Gründen möglichst viel von ihren Erzeugnissen in anderen Staaten ausführen. Versagt die Industrie, dann stünden der Wehrmacht nicht mehr die notwendigen Kampfmittel, Ausrüstungen, Bekleidung, Verkehrsmittel usw. zur Verfügung. Die Industrie muß daher in verstärktem Maße arbeiten. Auch unter feindlicher Einwirkung soll die Erzeugung nur für kürzeste Zeit unterbrochen werden. …“

All die Aufgaben wurden von Einsatzgruppen, die aus Gefolgschaftsmitgliedern der Belegschaft zusammengestellt werden, bewerkstelligt. Sollte ein Luftangriff bevorstehen, dann wurden die Belegschaft, aber ebenso, sofern möglich, unersetzliche Produktionsgüter in Sicherheit gebracht.

 

Die Anordnungen kamen freilich vom RLB (Reichsluftschutzbund) aus Berlin; für die „Gaustadt Wien“ wurden viele Richtlinien von der „Werkluftschutz-Bereichsvertrauensstelle Ostmark der Reichsgruppe Industrie“ entsprechend geregelt.

 

Wiener Werkluftschutz-Räume

 

Wir kennen bereits eine Reihe von verschiedenen bekannten Betrieben (etwa Ankerbrotwerke, Saurer Werke, Gaswerk Leopoldau, Simmering Graz Pauker Werke, Warchalowski-Werke, etc.), die während des Zweiten Weltkrieges auch entsprechend gegen Luftangriffe geschützt waren. Hier wollen wir einen unterirdischen Schutzraum beschreiben, der im Zuge der Abräumung des Geländes wahrscheinlich „verschwinden“ wird.

 

Luftschutztüren

 

Bauliche Merkmale die aus der Kriegszeit, bzw. nach der Eingliederung Österreichs ans Deutsche Reich (1938) stammen, sind die obligatorischen Stahltüren. Diese waren gegen Kampfstoffe und dynamische Beschädigungen gewappnet. Sie sind mit den typischen Etiketten mit den Einstanzungen „Vertrieb § 8 Luftschutzgesetz genehmigt“ dementsprechend erkenntlich. Auf ihnen sind die Hersteller verewigt (hier „Viktor Otte & Co.“). Die Buchstaben und Zahlenkombinationen verraten auch die RL (Reichsluftschutz) Fachgruppen:  3 (=Fachgruppe Bauwesen/Tarnung/Verdunkelung), gefolgt von der Jahreszahl der Freigabe bzw. der Herstellung.

 

(PS: Nach den Listen der Kenn-Nummern der Reichsanstalt für Luftschutz 1936-1944 ist nach der „RL3-37/41“, der „Type 1“ der Hersteller „Adolf Fichter, Nürnberg“. Offensichtlich hatte die Stahlbaufirma "Viktor Otte & Co." in Wien die Türen in Lizenz hergestellt.)

 

Die untersuchte Anlage besitzt auch erforderliche Notausstiege; hier Schächte mit Sprossen ins Freie. Ebenso sind Lüftungsrohre zu erkennen. Weitere bauliche Luftschutzeinrichtungen, wie etwa Schutzraumbelüfter, sind keine mehr vorhanden. Nach dem Krieg dürfte die Anlage als Depot, hier lange zur Lagerung verschiedener flüssiger Stoffe, u. a. Farbgemische, genutzt worden sein. Eine Reihe von festen Behältern befinden sich im alten Schutzraum. Die Aufschrift „Öllager“ dürfte aus der Nachkriegszeit stammen.

 

(Marcello La Speranza)

 



Im Tiefbunker

Im Zuge des in Berlin, reichsweit ausgegebenen „Führer-Sofortprogramm“ wurden 1940 in wichtigen Städten einheitliche Luftschutzbunker gefertigt. Wien zählte zum Luftschutzort der 1. Ordnung. Die anfänglich genormten Anlagen entstanden nach dem damaligen Konzept der Schutzraumtechnik.  Mit einer  stahlarmierten Deckenstärke von 1, 40 Metern sollten sie die Sprengkraft einer üblichen 225 kg Bombe aushalten. Die robusten Bunker waren ebenso gegen Kampfstoff-Attacken (Gas) gewappnet. Dementsprechend waren die Schutzraumlüfter mit Schwebstoff - und  Gasfiltern ausgestattet. Die im Bunker integrierten Gasschleusen gehörten zur Standarteinrichtung der mustergültigen umfassenden Schutzvorrichtung.

 

 

In einigen der rund 30 in Wien errichteten Luftschutzbunker dieser Kategorie, die in mehreren Bauwellen entstanden und modifiziert waren, ist noch Einiges der technischen Anlagen verblieben. Sofern diese Bunker nicht nach dem Krieg zugeschüttet, abgemauert oder abgerissen wurden, besuchen wir diese historisch wertvollen baulichen Schutzbauten.

 

 

Während unserer „Bunkertouren“  inspizierten wir auch den Zustand einer dieser verschlossenen Anlage, wo sich im Inneren erstaunlicherweise kaum etwas verändert hat. 

An der Decke des zentralen Umlaufganges hängen die Belüftungsrohre; die Handkurbeln zu den Schutzraumlüftern sind auch noch in den mit feuerfesten Heraklitplatten ausgekleideten Maschinenräume präsent; selbst die hölzernen Türen in den Aborten und zu den Waschräumen sind „in situ“ verblieben. Als wir nochmals diesen mustergültigen „Mutter und Kind“-Bunker aufsuchen durften, waren wir erfreut, dass diese Anlage noch nicht devastiert und verunstaltet wurde.

 

 Diese Anlage schlummert in einem Tiefschlaf und bleibt hoffentlich noch lange in diesem Zustand erhalten. Einige der ehemaligen LS-Kammern werden heute als Lagerräume genutzt. Es ist aber leider nicht selbstverständlich, dass sich die „Stadt Wien“ um die Erhaltung der baulichen Hinterlassenschaften der Periode 1938-45 kümmert. Viele  der obsolet geworden Luftschutzbunker, die heute noch existieren, verfallen zusehends. 

 

 

Wir bemühen uns die Relikte der Vergangenheit zu dokumentieren. Faszinierend sind in diesem Bunker, versteckt  in einer Parkanlage, die vielen Hinweis- und Ordnungs-aufschriften, die an den Wänden des engen Ganges zu lesen sind: „Mütter gebt auf eure Kinder acht“, „Alte und gebrechliche Personen“, „Nur für Mütter mit Säuglinge“, … . Die Bunker der ersten Bauwelle hatten 44 LS-Kammern und waren für 300 Schutzsuchende konzipiert. Während der Bombenangriffe waren letztendlich alle errichteten Schutzbunker in Wien hoffnungsvoll überfüllt, was aus Zeitzeugenberichten hervorgeht. (Marcello La Speranza)

 

 



Radikale Umbauten (2019)

Stets werden in den tiefen Kellern der Stadt radikale Umbauarbeiten durchgeführt. Hierbei werden auch vorhergehende Bausubstanzen durchbrochen und unbrauchbar gewordene Einbauten beseitigt.  Bei unseren

Einstiegen in die Unterwelten bemerken wir immer wieder interessante radikale Veränderungen.

 

In diesem Umbauhaus beobachteten wir, wie die Bauarbeiten heftig und nicht ziemperlich voranschritten. Alte Tresorräume wurden demoliert; Wände und Leitungen nicht immer fachgemäß herausgerissen.  Da tauchten in einer Tiefetage deklarierte  Mauerreste aus dem 15. Jahrhundert auf. Im Herzen Wiens kommt man immer wieder mit historischem Mauerwerk aus der reichen Stadtgeschichte in Berührung. Hoffentlich werden diese Teile der baulichen Hinterlassenschaften, die zumindest die Zeit bis heute überdauert haben, hier nicht  beim Umbau der Tiefgarage geopfert. (Marcello La Speranza)



Im Inneren des      Feuerleitturm Arenbergpark

Die errichteten Flaktürme in den Großstädten Berlin, Hamburg und Wien sind Sonderbauten in der Architektur der Bunkeranlagen. Insgesamt wurden 16 dieser Betonfestungen im „Deutschen Reich“ errichtet. Sechs davon wurden ab 1942 in der „Gaustadt“ Wien gebaut. Jeweils ein Geschützturm und ein Feuerleitturm bildeten eine Einheit und kommunizierten in der Befehlsübermittlung der Luftraumüberwachung. Die Türme erfüllten während des Krieges ihren militärischen und zivilschutzmäßigen Zweck. Neben Dienststellen der Luftwaffe, Räumen für Rüstungsproduktionen standen in den Türmen auch bombensicher Etagen für die Bevölkerung zur Verfügung. Alle Flaktürme bildeten autarke Stützpunkte, wo auch rund 40.000 Personen Schutz vor den alliierten Bomben finden konnten.

 

 

 

Im Feuerleitturm Arenbergpark befanden sich ebenso eine „Rettungsstelle“, sanitäre Anlagen und natürliche technische Einrichtungen, wovon wir auch noch entsprechende verbliebene Rudimente und Objekte vorgefunden haben. Interessant sind auch die obligatorischen Hinweis-aufschriften „Rasch gehen“, „Mutter u. Kind“. Jedoch die oftmals versteckt vermerkten kleinen Kritzeleien von Zwangs- und Fremdarbeitern an so manchen Wänden, sind verblüffende Entdeckungen und Zeugnisse der NS-Epoche.

In einem Stockwerk gab es offensichtlich einen Großbrand, erkennbar an den verkohlen Resten der hölzernen Lüftungsrohre an der Decke. Die Aufschrift „Erst Gefechtsbatterie dann Kriegsversehrte“ über der Aufzugstür, zeigt von der Priorität der damaligen Nutzung. Auf der oberen Plattform des Turmes waren doch seinerzeit die Entfernungs-Meßgeräte der Luftraumüberwachung positioniert, die rasch die angreifenden Bomberverbände erfassen mussten.

 

 

 

Wir können uns gut vorstellen, wie in den überfüllten Etagen hunderte Mütter, Kinder und alte Personen psychische und physische Ängste ausstanden. Die Belüftungsanlagen und Stromversorgung sollten ein längeres Überleben garantieren. Personen mit ansteckenden Krankheiten war ein Aufenthalt in den öffentlichen Bunkeranlagen (laut Anweisungen) verboten. Wir finden Zettel der „Versehrtenräume“ und so manche medizinische Gerätschaften.

 

 

 

Nach dem Krieg wurden im Turm die Buchhaltung und ein Lager der Elektrofirma „Siemens & Halske“ eingelagert. Der Turm wurde sonst nicht weiter genutzt und geriet in Vergessenheit. Heute wird das Erdgeschoss vom Stadtgartenamt zur Einlagerung ihrer Parkgerätschaften verwendet. Bei einer archäologischen Untersuchung (durch den Autor) wurden unter dem Bauschutt tausende Relikte gefunden, u. a. Uniformteile, Kinderspielzeug, Feldpostbriefe, medizinisches Besteck, Kleidungsreste, Zeitungen, etc.

 

 

 

Für uns faszinierend bleibt der nahezu unberührte Zustand dieses rund 40 Meter hohen, rechteckigen Turmes. Unerfreulich sind die Graffiti von so manchen „Künstlern“, die im Turm ihre Spuren - zum Glück aber nur an wenigen Stellen - hinterlassen haben.

 

 

 

Die Flaktürme in Wien sind ebenso Sachzeugnisse der Wiener Geschichte. Sie haben einen hohen historischen Wert. Sie bilden eine moderne Form der Stadtbefestigung und sind Resultat der Entwicklung von Waffentechnologie. In ihrer Architektur und Ästhetik spiegelt sich auch der Wehrcharakter der damaligen Zeit. (Marcello La Speranza)

 

 

Literaturtipp:

Marcello La Speranza, Flakturm-Archäologie

(Edition Berliner Unterwelten, Berlin 2016)

 

 

 

PS: Unter den geborgenen Objekten fand sich auch ein Konvolut von Feldpostbriefen eines Luftwaffensoldaten, deren Tochter ausfindig gemacht werden konnte. Die Übergabe der persönlichen Briefe an die Familie war ein emotionales und erfreuliches Erlebnis.

 

 

 

 

 

 

 

 



Im Tiefbunker



Alte Post (1010 Wien)

Im Ersten Bezirk lassen sich noch viele Überreste einstiger Luftschutzkeller sowie das gigantische "Luftschutzraumnetz Innere Stadt" entdecken und erforschen. 

 

Erfahren Sie hier mehr über das "Luftschutzraumnetz Innere Stadt" sowie die Kellergewölbe der einstigen Postzentrale, welche sich zurzeit im kompletten Umbau befindet und schon bald in neuem Glanz erstrahlen wird.


Eine ausführliche Beschreibung zur Geschichte des Gaswerkes Leopoldau finden sie im Band 3 der Buchreihe über NS- und Kriegsspuren in Wien: Marcello La Speranza , "Dokukmentiert" (Edition Mokka, Wien 2017)


Luftwaffen-Keller (2019)

Aufgrund der eindringenden Feuchtigkeit werden unzählige Keller – verständlicherweise - nicht als Lagerraum genutzt. Betritt man die tiefen verlassenen Keller alter Häuser, wird man sogleich vom kalten Mief schimmeliger Mauern empfangen. Selten werden diese „vergessenen“ Räumlichkeiten von den Hausparteien aufgesucht. Bei einer Begehung eines Kellergewölbes in der Leopoldstadt (Wien 2. Bezirk) entdeckten wir an der Ziegelmauer vergilbte Abbildungen von Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg. Befestigt mit verrosteten Nägeln hingen diese Propagandabilder der deutschen Luftwaffe in der Dunkelheit. Irgendwann lösen sich diese papierenen Zeugnisse der Vergangenheit auf;  fallen herunter und werden vom sandigen Untergrund zersetzt. (Marcello La Speranza)

 



Altes Gaswerk Leopoldau (2016)

Vor wenigen Jahren präsentierte sich das Areal des ehemaligen Gaswerkes (1911 in Betrieb genommen und in den 1970er geschlossen) noch als "Lost Place". Als wir 2016 die Keller unter dem so genannten "Wohlfahrtsgebäude" betreten durften, waren wir vom Zustand der dortigen Luftschutzräume erstaunt.

Viele der alten kompakten Stahltüren mit den Zugangsaufschriften und den Hinweismarkierungen an so manchen Bunkerwänden haben die vergangenen Jahrzehnte im Untergrund überdauert. Auch in benachbarten Wirtschafts- und Kraftwerksgebäuden waren noch bauliche Einrichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg verblieben. (Marcello La Speranza)

Eine ausführliche Beschreibung zur Geschichte des Gaswerkes Lepoldau finden Sie im Band 3 der Buchserie NS- und Kriegsspuren in Wien: Marcello La Speranza ,

"Dokumentiert" (Edition Mokka, Wien 2017)



"Narrenturm" (2013)

Im Keller des "Narrenturmes" sind noch ungeöffnete Kisten und Gefäße deponiert, deren Geheimnisse noch nicht alle gelüftet sind. In dem markanten kreisrunden Turm - 1784 unter der Regierungszeit Kaiser Josef II. errichtet -  wurden seinerzeit körperlich und geistig behinderte Menschen eingezogen, um sie nach heute fraglichen Methoden zu pflegen und zu heilen. Vielfach waren die Patienten in engen Kammern in den Stockwerken unfreiwillig gefangen.

(Marcello La Speranza)



Gruft Am Hof (2011)

Die Gruft unter der Kirche wurde im Jahre 1662 angelegt und wurde bis ins 18. Jahrhundert belegt. Danach wurde sie rund 150 Jahre verschlossen um in den 1930er Jahren geöffnet zu werden. Ein Einstieg ist heute nur mit Sondergenehmigung möglich. Der Gruftaltar und die darauf plazierten Totenschädel hinterlassen einen düsteren Eindruck. Die bunten Fresken, die Szenen aus dem Fegefeuer und der Höllenfahrt zeigen, sind ebenso bedrückend, doch unterstreichen sie treffend die Gruft-Atmosphäre. (Marcello La Speranza)



Geheimer Atombunker (2013)

Unter einem Regierungsgebäude im ersten Bezirk befindet sich ein ABC-Bunker für Katastrophenfälle. Als ich mit "Sondererlaubnis" die Räume dieser geheimen Schutzanlage - besuchen durfte, stand die moderne Technik - in Betrieb genommen etwa in den 1970er Jahren - im Vergleich mit älteren Luftschutzanlagen im Fokus. Interessant ist die große Wien-Karte in der Kommandozentrale. (Marcello La Speranza)



Tagebuch Bunker

Im 23. Bezirk steht in einem Garten ein kleiner Hochbunker. Von Außen unscheinbar verbirgt sich im Inneren eine wahre Zeitkapsel; eine Zeitreise in die Vergangenheit. Wir betraten den Bunker durch eine alte verrostete und somit schwer bewegliche Tür. Durch Stiegen ging es abwärts in einen relativ kleinen Raum mit mehreren Kammern, die wahrscheinlich einst zur Einlagerung wichtiger Dokumente dienten. An Wand stand noch eine Reihe an Sitzbänken. Das absolute, historische, Highlight ist das "Tagebuch" an einer der Wände bei dem jeder Luftangriff dokumentiert wurde. Fein säuberlich wurde das Datum des Angriffes und Alarmzeiten mit Bleistift notiert und ob es zu einem Schaden kam. (Lukas Arnold)



Ominöser Keller in Wien (2018)

Zunächst entdeckten wir unter einem Haus in Erdberg mehrere zusammenhängende Kellergewölbe, die ursprünglich als Sortiment-Lagerräume dienten.  An den dunklen Ziegelmauern standen die Namen für uns nicht bekannten altertümlichen Wein- oder Biersorten. Hier unten waren ebenso am Wandverputz auch Jahreszahlen aus dem 19. Jahrhundert und ein paar aufgemalte Wappen zu sehen, die wir vorerst nicht zu deuten vermagen. Interessant an den zeichnerischen Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit war weiters, dass wir im Lichte der Taschenlampen auch das ehemalige Brauereizeichen der "Bierzunft" erblickten: Ein Sechseck, das in der Form mit dem „Judenstern“ ident ist. Die Geschichte dieses Kellers wollen wir noch weiter erforschen.

(Marcello La Speranza)

 



Josefstädterstraße (2013)

In vielen Kellern entdecken wir bauliche Hinterlassenschaften und Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Insbesondere gekennzeichnete Mauerdurchbrüche sind noch oft zu finden. Eine diesbezüglich interessante Markierung befindet sich unter einem Haus in der Josefstadt, wo auch noch die dazugehörenden Leuchtstreifen verblieben sind.

(Marcello La Speranza)



Leuchtende Zeugen des Zweiten Weltkrieges

Fast 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges finden sich im Untergrund von Wien noch zahlreiche "Stumme Zeugen". Es finden sich noch einige "Leuchtende Hinweise", die an die damalige Zeit erinnern. In mustergültigen Luftschutzräumen waren Hinweise und Markierungen für die schutzsuchende Bevölkerung an den Wänden angebracht, wie z. B.: "Ruhe bewahren", "Rauchen verboten", "Mauerdurchbruch" und noch viele mehr. Damit im Falle eines etwaigen Luftangriffes und eines daraus resultierenden Stromausfalles die Luftschutzsuchenden in den Kelleräumen keine Panik bekommen, waren viele dieser Markierungen mit Phosphorleucht-Farben gemalt, damit die Hinweise auch im Dunkeln zu sehen waren. (Lukas Arnold)

 

 

 



Gekennzeichnete Mauerdurchbrüche

Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Keller mittels Mauerdurchbrüchen verbunden. Sollte ein Haus durch Bombentreffer verschüttet oder der Notausgang blockiert sein, konnten sich die im Luftschutzkeller eingeschlossenen Hausbewohner durch einen Mauerdurchbruch in den Nachbarkeller retten. Die Durchlässe waren mit losen Ziegel verschlossen, die man im Notfall leicht durchstossen konnte.  In vielen Kellern sind diese baulichen Relikte aus der Kriegszeit noch oft zu finden. Die dazugehörenden Aufschriften bröckeln inzwischen ab. (Marcello La Speranza)



Leuchtende Email-Schilder

Zu den Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg zählen auch die verbliebenen Email-Schilder, die im Dunklen nachleuchten und  seinerzeit den Schutzsuchenden in den Kellern bestimmte Hinweise mitteilten. (Marcello La Speranza)



Kleeblattgasse (2014)

In unberührte Keller, die noch nicht umgebaut sind, hinabzusteigen, ist immer ein Erlebnis. Besonders in den Keller im 1. Bezirk sind Mauern zu finden, die weit in die Vergangenheit zurückführen können. In den mehrgeschossigen Etagen entdecken wir Gewölbe, Mauern, Treppen und Brunnen die aus dem Mittelalter oder aus noch frühereren Zeiten stammen. Tiefe Brunnen, wie in diesem Haus im Herzen der Stadt sind schöne Begegnungen. (Marcello La Speranza)



Luftschutznetz "Innere Stadt" (Einführung)

Schon bald nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Pläne entwickelt, wie auch in Wien das angeordnete und umfassende "Luftschutz-Programm" zu bewerkstelligen sei.  Die Gemeindeverwaltung des "Reichsgau Wien" hatte die Aufgabe überantwortet bekommen, speziell für den ersten Bezirk das so genannt "Luftschutz-Raum-Netz-Innere Stadt" auszuarbeiten.  Dabei sollten die vorhandenen tiefen Keller, die zum Teil auf das Mittelalter zurückreichen, ehemalige Lagerkeller und Gewölbe adaptiert werden, um diese bombensicher zu gestalten. Die Umsetzung des "Masterplanes" - eine geordnete und einheitliche Vernetzung (Aufschriften/Durchgänge, ...) - zu schaffen, war kein leichtes Unterfangen. Inspektionen verschiedener Behörden waren damit beschäftigt, die baulichen Voraussetzungen zu schaffen. 1944 war ein Großteil der Arbeiten umgesetzt worden. Viele Relikte aus dieser Zeit sind heute noch "in situ" vorhanden. Bei unseren Erkundungen finden wir noch viele Spuren dieses Bauprogrammes. Mit diesen speziellen Orte in der Unterwelt, werden wir uns noch sehr intensiv auseinandersetzen. Viele dieser Fundplätze werden wir in weiteren Beiträgen noch vorstellen.

(Marcello La Speranza)



Mommsengasse (2015)

In vielen Kellerräumen ehemaliger Fabriken, Unternehmen oder Hausparteien finden sich obsolete Einrichtungs-gegenstände, diverse Maschinen oder andere wertlose Utensilien einer vergangenen Gesellschaft. Im großen Keller  des stattlichen Eckhauses Wiedner Gürtel /Mommsengasse, welches 2015 renoviert wurde, fanden sich an einer Wand hingekrizelte Kinderzeichnungen. Eine solche unerwartete Entdeckung erfreute mich besonders. Die Prinzessin, der Hampelmann, der Kasperl, etc. waren zum Teil sehr detailiert ausgeführt worden. (Marcello La Speranza)



Sensationelle archäolog. Grabung in Erdberg (2015)

Im Zuge des Abbruches des ehemaligen Postgebäudes beim Rochusmarkt wurde auch das umliegende Areal von Archäologen untersucht, die hier neben der römischen Lagersiedlung von Vindobona auch Reste der Keltenzeit verorteten. Bei der Grabung wurden erstaunlicherweise auch Spuren aus der Urgeschichte-Frühneolitikum (ca. 5000 v. Chr.) und sogar ein unerwarteter „Erdstall“, möglicherweise aus dem Mittelalter, aufgedeckt.

 

Auf dem Grabungsgelände fanden sich ebenso Mauern eines Gartenpavillons aus dem 18. Jahrhundert, welches dem Mediziner Franz Anton Mesmer (1734-1815) zuzuordnen war. Der schillernde Naturforscher beschäftigte sich mit der umstrittenen Heilbehandlung des „Magnetismus“. Mit der Anwendung des „Mesmerismus“ sollte das „Gleichgewicht im Körper“ wiederhergestellt werden. (Marcello La Speranza)

 



Fundament der "Porta Decumana"                     freigelegt und zugeschüttet (2019)

 

Im Zuge des Gebrechens einer Gasleitung unter dem Gehsteig Ecke Kohlmarkt / Naglergasse / Graben wurde Anfang Mai 2019 an dieser Stelle aufgegraben, um das Leck zu reparieren. Dabei stießen die Bauarbeiter auf das Fundament des Torbogens der Porta Decuma des römischen Kastells Vindobona. Ein mächtiger Quaderstein und Fragmente des Unterbaues wurden rasch von Archäologen untersucht und vermessen. An dieser Stelle befand sich vor rund 2000 Jahren die südliche Toreinfahrt des römischen Legionslagers: Eine staatliche Festung - eine Militärbasis am Donaulimes - welche für 6.000 Soldaten konzipiert war. Nach ein paar Tagen wurde das Erdloch rasch wieder zugeschüttet. Bedauerlich, dass die Stadt Wien über dieses bedeutende bauliche Zeugnis unserer Stadtgeschichte keine bruchsichere Glasplatte mit Informationserklärung verlegt hat. Es wäre kein großer Aufwand gewesen.

 

 

Vindobona war ein wichtiger römischer Militärstützpunkt am Donaulimes. Mit dem Feldzug Tiberius gegen die Germanen begann die Okkupation des keltischen Königreiches und die Errichtung und Festigung des Imperiums. Die Römer sicherten mit ihren Kastellen gegen die nördlichen germanischen Stämme. In die Festung, gesichert durch eine hohe Steinmauer, Graben und Palisaden führten kompakte Toranlagen. Die Porta Decumana war die Haupteinfahrt von der via Decumana (heute Kohlmarkt), die von der südlichen vorgelagerten Lagersiedlung, der canabae, in das Legionslager führte. Bis ins 5. Jh. hielt sich die römische Präsenz und prägte die Entwicklung der Frühgeschichte Wiens. (Marcello La Speranza)

 

 



Pyramide in der Lindengasse (2016)

Steile Treppen führen in den mehrgeschossigen Keller eines historischen Mietshauses im 7. Wiener Bezirk (Neubau). Es ist ein großer Keller, der nicht wirklich Außergewöhnlich ist, wäre in einer Nische nicht die Spitze einer Pyramide zu sehen. Warum und zu welchem Zweck in der Tiefe des Hauses dieses architektonische Kuriosum errichtet worden war, bleibt wohl ein Geheimnis. Recherchen ergaben, dass der Architekt Oskar Marmorek (1863-1909) dieses Haus entworfen hat.

 

Der berühmte Architekt, der eine Reihe von bekannten Villen und Häusern schuf (mit historischen Stilelementen und mit modernen Formvorstellungen ausgestattet), galt zu Lebzeiten als schwierige Person. Der Zionist Marmorek, hatte Differenzen mit jüdischen Organisationen und kämpfte mit Unstimmigkeiten in der konkurrierenden Architekturszene. In einem Anfall geistiger Verwirrung verübte er Selbstmord am Zentralfriedhof. Ob die Kellerpyramide ein Werk Marmoreks oder eine Zufälligkeit im Kellerverbau ist bleibt unbeantwortet. (Marcello La Speranza)

 



"Puppen"-Keller in Währing (2018)

Natürlich reizt es, wenn man vereinsamte Koffer oder Truhen in einem Keller findet. Diese behutsam zu Öffnen kann zu manchen Überraschungen führen. Die abgelegten und halb verschimmelten Puppen in ihren zum Teil durch Motten angefressenen Kleider, haben wir wieder in ihren "Sarg" gelegt, auf dass sie noch weitere Jahrzehnte in Ruhe schlafen. (Marcello La Speranza)



"Streichzünder"-Keller in der Landstr. Hauptstraße (2018)

In der langen Landstraßer Hauptstraße in Erdberg befinden sich viele historische Gebäude, die naturgemäß auch alte Keller besitzen, wo freilch auch so manche Überraschungen zu finden sind. So entdeckte ich in einem weitverzweigten Keller alte Türen, mit der ominösen Aufschrift "Streichzünder nicht wegwerfen.". Warum das so sei, bleibt ein Rätsel. Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg sind die fest abgemauerten Zugänge, die offensichtlich einst direkt unter der Landstraßer Hauptstraße verlaufen und diese kreuzte? Ein altes vergilbtes Blechschild "Mauerdurchbruch" zeugt von der Nutzung des Kellers als Refugium im Bombenkrieg. (Marcello La Speranza)



Zerbrochene Göttin (2019)

In abgelegenen Kellern Wiens finden wir ausrangierte Eiskästen, Fernseher, Autoreifen, Waschmaschinen und andere lieblos deponierte Objekte vergangener Epochen. Es türmen sich im Schutt auch zerbrochene Vasen und Teller, zerfledderte Koffer und Taschen. Mitunter tauchen im Licht der Taschenlampen auch kleinere oder größere „Schätze“ auf, wie beispielsweise die verschüttete Statue einer antiken Göttin. Obwohl diese Gipsstatuette keinen archäologischen Wert besitzt, hat es mich doch erfreut sie im letzten Winkel eines Hauskellers im 7. Bezirk zu entdecken. Die feucht-staubige Gipsmasse löste sich aber alsobald auf und zerbröselte zusehends. (Marcello La Speranza)

 



Der schlampige "LSR"              im Alsergrund (2020)

(Noch) verbliebene Luftschutzmarkierungen zu finden, gehört zu den interessanten Aufgaben unserer Forschungsarbeiten. Im Lauf der Zeit habe ich schon hunderte Hauskeller inspiziert und dabei die während des Kriegs angebrachten typischen Aufschriften und Abkürzungen „LSR“, „LSK“, „MD“, „Ruhe Bewahren“ , die dazu gehörenden Richtungspfeile, etc. gefunden und dokumentiert. Malertrupps, darunter auch Lehrlinge, zogen seinerzeit von Keller zu Keller, um diese Anordnungen auszuführen. Ebenso verrichteten Vertrauenspersonen, Luftschutzwarte oder Hausbewohner diese Aufgabe. Die Markierungen dienten freilich auch zum Selbstzweck einer Luftschutzgemeinschaft.

 

Es verwundert nicht, dass viele der Aufschriften nicht immer in schöner Reinschrift geschrieben sind, was darauf hindeutet, dass diese auch offensichtlich in höchster Eile aufgetragen wurden. Oft finden sich schlampige zum Teil aber auch sehr hastig gestrichene Markierungen. In einem Keller in Alsergrund (Wien 9) entdeckte ich eine so hässliche „LSR“-Markierung, die Besonders ins Auge fiel. Die zum Luftschutzraum weisenden Pfeile waren im Gegensatz zur Eingangstür in den „LSR“ noch passabel; die schäbige mit schwarzem Blech genagelte Tür und speziell die Aufschrift eine stilistische Katastrophe. (Marcello La Speranza)



Wandlungen zu Lofts (2019)

Was mit verschlossenen und leerstehenden Gebäude im Endeffekt passiert bleibt oft der Öffentlichkeit verborgen. Hinter Planken und Zäunen spielt sich oft das Schicksal von Gebäuden ab, die aus den Reihen eines vergessenen „Lost Places“ fallen. Dann kann es schnell oder langsam gehen, bis die Würfel auf das Blatt Abbruch, Sanierung oder Umbau fallen. Was passiert hinter den Mauern des historischen Gebäudes der ehemaligen „k.k.Telegraphen Centrale“ am Börseplatz? Errichtet wurde das schmucke, denkmalgeschützte Palais in den Jahren 1870/73.  Bis zum Jahre 1996 war dieses riesige Palais, im Stil der italienischen Renaissance errichtet, Hauptsitz des Post- und Telegraphenamtes. Im Inneren des Gebäudes ist reichlich Dekorschmuck (Stuck und Säulen) aus der Zeit der Ringstraßenarchitektur verblieben. Nach einer Planvorstellung der neuen Investoren soll der Bau zu sündteuren Luxuslofts umgestaltet werden und dabei behutsam das Flair des Altbestandes bestehen bleiben. Bei einem Lokalaugenschein der Baustelle im Jahre 2019 wurden im Inneren des Palais ziemlich viele Veränderungen vorgenommen, da wurde schon viel in die Tiefe gegraben und die Baufahrzeuge und Arbeiter waren emsig am Werk. Mir fiel aber auf, dass auf historische Kostbarkeiten Bedacht genommen wurde. Es ist immer interessant, die Wandlung eines alterwürdigen Gebäudes in eine Zukunftsvision zu verfolgen. Wir werden sehen, wie sich in den nächsten Jahren, dieses Objekte präsentieren wird?

(Marcello La Speranza)

 





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Zuletzt bearbeitet am   28.10.2020