Vergessene Bierbrauerei Hallen

Die große unterirische Anlage der ehemaligen Bierbrauerei in St. Marx, dürfte vielen Forschern und Historiker bekannt sein. Über diese Anlage wurde im Lauf der Zeit eine Menge unvernünftige Berichte und Phantasiegeschichten in Umlauf gebracht. Wir haben uns entschlossen, über die verschlossenen Gewölbe einen umfassenden Bericht zu veröffentlichen, zumal wir über Pläne, historische Unterlagen und Dokumente verfügen und beim seinerzeitigen Besuch eine Betretungsgenehmigung hatten. Bei unseren Erhebungen wurde unser Team

von seriösen Forschern begleitet.

Im Jahre 1957 wurden im Auftrag der Stadt Wien die unterirdischen großen Hallen auf einem detailreichen Plan (zeigt die Zugangsebene und die Grundrisse der oberen Bauwerke) verzeichnet. Hierbei sind auch die Notausstiege mit den Betonvorbauten erkennbar. Auch die Lage einer Wendeltreppe, die zu einer weiteren Etage führt ist zu sehen. Die riesigen Hallen und Kammern geben ein authentisches Bild über die Größe des erschlossenen Bauwerkes. Lediglich die Bereiche im N/Eck Schlachthausg. / verlängerte Baumg. konnten seinerzeit nicht vermessen werden, da diese Kammern verschüttet waren.

Auf der Bunkerliste aus dem Jahre 1959 (herausgegeben vom Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau) ist auch die untersuchte Anlage gelistete und mit ca. 35.000 m2 angeben: Hierbei ist zu lesen: „Arbeitsbunker, ehem. Kellerräume zur Lagerung von Bier auf den am Rinderschlachthof angrenzenden ehem. Mautner-Markhofgründen; Mauerstärken: ca. 1 m teilweise Ziegelgewölbe 70 cm, teilweise Betondecke 1.00 m; Erdbedeckung ca. 4-5 m; Anzahl der Ein- und Ausgänge: 2+1 Aus- u. Einfahrt;  Zustand: gut erhalten; Derzeitige Verwendung: teilweise als Lagerräume vermietet“

Großbrand

 

Laut Zeitungsberichten brach im Dezember 1977 in dem „Bunkersystem“ ein Großbrand aus. (Kurier, 16. 12. 1977). Die Feuerwehr ging mit 250 Mann, ausgerüstet mit Atemschutz- und Sauerstoffgeräten in die 15.000 Quadratmeter weitverzweigte Anlage hinein. Darin gelagerte Fässer explodierten, mehrere Feuerwehrleute wurden verletzt. Die Behörden ermittelten, dass es sich um eine Brandstiftung handelte. Interessant in dem Bericht ist die Angabe, dass es sich um „ein dreistöckiges Bunkersystem“ handelte.

Vergessene Fahrzeuge

 

Jahre später berichtet mir der Feuerwehrmann, Herr Krenn, heute Kustos des Feuerwehrmuseum Am Hof, von der verhängnisvollen Katastrophe und den schweren Löscharbeiten. Ein Detail, welches er erzählte, möchte ich hier ebenso festhalten, da es offensichtlich den Schlüssel zur Klärung der Legendenbildung der vergessenen Fahrzeuge in den Hallen bildet: „Man habe, nach dem Brand, in einigen Zufahrtsstollen einen Teil des  Fuhrparkes der Feuerwehr, darunter auch historische Einsatzfahrzeuge eingestellt, diese jedoch aufgrund des feuchten Klimas 1986 von dort abgezogen.“ Diese dort deponierten Fahrzeuge waren möglicherweise der Grund dafür, dass lange Zeit die Geschichte kursierte, in dem Stollen befänden sich vergessene Fahrzeuge aus der Kriegszeit. So wurde in der Vergangenheit von einigen Anrainern hartnäckig behauptet, dort unten standen bis in die 1980 Jahre Kettenfahrzeuge u. a. drei russische T 34. (Ein T 34 soll bis zum Jahre 1972 auf der Rampe des hinter dem großen Eisentor gestanden haben).

Im Jahre 2001 rückten Soldaten und auch Bedienstete der Staatspolizei aus, um dort vermeintliches Kriegsgerät zu bergen (Kurier, 26. September 2001: Soldaten auf Panzersuche mitten in Wien). Gefunden wurde angeblich nichts. Es wurde aber auch erläutert, denn man plante „von den tiefer liegenden Bunkerräumen aus einen Zugang zu den verschütteten oberen Räumen zu bohren“. Zumindest wurde auch in diesem Artikel eingeräumt, dass sich auf dem alten Brauereigelände mehrere Kelleretagen befinden könnten. Ob es sich dabei um Verbindungsstollen handelt, die wirklich bis zum Arsenal führen könnten, bleibt dahingestellt. So entstanden die Annahmen, dass in den verschütteten Teilen entsorgtes Kriegsmaterial, Granaten etc. verblieben sein könnten.

 

Vergessene Stollen in der Umgebung

 

Dadurch, dass sich im Umfeld der alten St. Marx Bierbrauereikeller während des Zweiten Weltkrieges vor allem im Bereich der Landstraßer Hauptstraße/Leberstraße auch zivile Luftschutzstollen errichtet worden waren (Archivmaterial in der Kartographischen Sammlung des Wr. Stadt- und Landesarchiv) werden diese Stollen oft ungerechterweise mit der St. Marxer Anlage in Verbindung gebracht. Ebenso die langen Stollen die von der Verladerampe des Schlachthofes St. Marx Richtung Rennweg laufen und die 2004 verfüllt worden waren (Presse, 1. 10. 2004), nachdem sich die Fahrbahn der Gleise der Straßenbahn am Rennweg gesenkt hatte.  (Kronen Zeitung, 23. August 2005: Emmentaler-Löcher.) All diese Stollen rund um St. Marx nährten die Gerüchte um ein weit verzweigtes unterirdisches Labyrinth, das jedoch nach und nach entzaubert wurde. In der oben erwähnten Bunkerliste aus dem Jahre 1959 werden auch diese Luftschutzstollen erwähnt und lokalisiert.

Zustand heute?

 

Wir vom „Forscherteam Wiener Unterwelten“ kennen inzwischen die  Anlage unter der ehemaligen St. Marx Bierbrauerei recht gut. Wenn auch immer wieder illegal Abenteurer durch enge Rohre durch die Lüftungsschächte in die Anlage hineinschlüpfen, oder diverse Zugänge aufbrechen und meinen, sie entdecken tolle Geheimnisse, so sollen sie ihrer Lust fröhnen - wir wollen mit diesen „Gestalten“ nichts zu tun haben - ; müssen aber früher oder später eingestehen, dass sie einem Phantom hinterherjagen.

Die leeren Hallen sind jedenfalls auf alle Fälle interessant. Die großen Gewölbe, wo an den feuchten Wänden Baumwurzeln bizarr wachsen, geben Raum für faszinierende Fotomotive. Auch wir konnten diesbezüglich einmalige Aufnahmen machen. Zeithistorische Relikte sind dort aber keine mehr vorhanden. Nur ein paar leere verrostete Fässer und ein paar Hinterlassenschaften einer Lackfabrik. Vor ein paar Jahren lag noch ein Gehäuse eines alten Radios (Telefunken) und Schachteln von Anodenbatterien herum. Einige Grafittis neueren Datums „zierten“ einige Wände. Wir wissen, dass ein Teil der Anlage von einem Schießclub genutzt wird, so liegen hier und da auch die Reste von Kleinkaliber-Patronen herum. Wir schauten uns in den Hallen genauer um. Einige hatten eine Art Zwischengeschoss. Während der Monarchie war hier unten ein riesiges Lager der Brauerei samt Eiskeller (zur Kühlung des Bieres) angelegt gewesen, es war ein florierender Großbetrieb. Davon sind aber keine Spuren mehr verblieben. An den Wänden einiger Hallen waren aufgemalte abblatternde Nummern zu lesen. Ein kleines Detail: Auf einem Ziegelstein hatte einst jemand einen Davidstern und daneben eine Sichel eingeschrieben. Beim Inspizieren der Hallen fanden sich übliche Tierleichen, so eine mumifizierte Katze.

Kurze Geschichte der Bierbrauerei

 

Die große Bierbrauerei (Spiritus- und Preßhefefabrik) gehörte zum Imperium der  Mautner Markhof Dynastie. Adolf Ignaz Mautner Markhof gründete in der Mitte des 19. Jahrhunderts dieses Unternehmen, welches zu einem der größten am europäischen Kontinent zählte. 1913 wurde durch Zusammenschluß anderer Brauereien mit Simmering und Schwechat der Standort in St. Marx stillgelegt und der Betrieb 1916 durch Rationalisierung eingestellt. Die Anlage geriet mehr oder weniger in Vergessenheit, das Areal erlangte keine Gewichtung mehr.

 

Es wurde mehrmals gemutmaßt, dass in den Kellergewölben später obsolet gewordene Kampfstoff-Granaten verschlossen wurden, was wir uns aber nicht vorstellen können, da man im Stadtgebiet von Wien solche brisanten Kriegs-Hinterlassenschaften kaum gelagert hätte. Hierfür gab es entsprechende Deponien (etwa Großmittel, südlich von Wien).

 

Siemens & Halske

 

Während des Zweiten Weltkrieges wurden weite Teile des robusten Kellers für die Rüstungsproduktion adaptiert. „Siemens & Halske“, eine Firma, die Schrauben, diverse Elektrogeräte und Motoren erzeugte, quartierte sich dort ein. Es liegt auch nahe, dass hier ein Teilfertigungsdepot für größere Waffensysteme eingebunkert war. Im ganzen „Deutschen Reich“ wurden Betriebe kriegsbedingt aufgefordert, Teile für Panzer, Flugzeuge, Schiffe oder  Raketen zu fabrizieren, die dann in Endfertigungswerken zusammengebaut wurden. Aber auch anderes Kriegsgerät, wie Granaten, Munition oder Zünder  wurden fließbandmässig hergestellt.

 

Eine Zeitzeugin, leider inzwischen verstorben, war während des Krieges bei „Siemens & Halske“ dienstverpflichtet. Frau Svoboda, 1944 16 Jahre alt, hält fest:

„ … ich wurde nach St. Marx in einen unterirdischen Bunker zur Arbeit geschickt. Wir arbeiteten von sechs bis vierzehn Uhr und von vierzehn bis zweiundzwanzig Uhr in Schicht. Der Stollen führte vom Eckhaus Schlachthausgasse 41 / Barthgasse an der Würtzlergasse vorbei. In dem Bunker musste ich Anoden messen und kleine Elektrogeräte überprüfen. Zu den Nebenräumen hatten die Arbeiter keinen Zutritt. Alles war `geheime Kommandosache`. Unsere Chefs witterten überall Sabotage. Bei Bombenalarm durften die Arbeiter in den Stollen, nicht aber die Menschen aus der Umgebung …“

(Marcello La Speranza, Bomben auf Wien, Ibera Verlag, 2003)

 

Text: Marcello La Speranza

Fotos: Lukas Arnold