Der Hochbunker in der Gerichtsgasse

Die Funktion des Hochbunkers in Floridsdorf kann nicht mehr eindeutig rekonstruiert werden. Dadurch, dass die obere Decke eingestürzt ist und es sich bei dieser definitiv um eine Zwischendecke handelt, ist der vollständige Ausbau nicht gegeben. Es ist ersichtlich, dass das Bauwerk keine abschließende Schutz-Abschlußdecke hat. Kurz vor Kriegsende stürzte die Betondecke der dritten Etage ein, offensichtlich durch eine Zerstörung des Holzgerüstes (durch Sprengung oder Abbrennen der hölzernen Stützdecke - Sabotage)? 

 

 

Der in der Mitte des Hochbunkers befindliche runde Schacht, der durch alle Etage läuft, könnte als Munitionsaufzug gedacht gewesen sein? Möglicherweise sollte auf der obersten Plattform des nie fertig gestellten Hochbunkers ein mittleres Flakgeschütz positioniert werden? So könnte die Bunkeranlage als erhöhte Flakstellung geplant gewesen sein. In der Umgebung befanden sich während des Krieges eine Reihe von Industriewerken (Shell, Siemens) und eine Eisenbahnstrecke, die gegen Fliegerangriffe zu sichern waren. So könnte der angedachte „Flakturm“ als Objektschutz dienen, was plausibel wäre.

Bei dem Bunker handelt es sich um ein achteckiges Bauwerk mit vier Eingangsbauwerken, die je zwei Eingänge besitzen. Die Außenmauerstärke beträgt  etwa 1, 5 m; die Zwischendecken-Stärke 30 cm. Die Stockwerke sind durch vier Treppen rund um den mittigen Schacht verbunden. In den ersten Etagen sind zusätzlich Treppenaufgänge. Offensichtlich war geplant, dass bei Fliegeralarm auch Zivilpersonen bzw. Bedienstete der umgebenden Betriebe möglichst rasch, durch mehrere Eingänge, die unteren Schutzräume aufsuchen konnten.

 

 

In der zweiten Etage sind an den Wänden obligatorische Aufschriften an den Wänden angebracht: „Rauchverbot“, „Gasschleuse“, Erste Hilfe“, die jedoch Jahrzehnte nach dem Krieg für eine US-Filmproduktion aufgemalt sein sollen. Im Turminneren sind an vielen Stellen auch weiße Hinweispfeile, davon vier mit Leuchtfarbe, zu erkennen.

 

Laut Informationstafel (2021 vor dem Bunker aufgestellt) sollen beim Bau des Bunkers jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn unter unmenschlichen Bedingungen beim Bunkerbau eingesetzt worden sein. Ein Graffiti im Turm, welches einem italienischen Arbeiter zuzuordnen ist „V(i)v(a) la Fica Italiane“ kann jedoch auch ein Hinweis sein, dass hier ebenso italienische Zwangsarbeiter beschäftigt waren.

 

 

Das Merkwürdigste an diesem Bunker ist die eingestürzte Decke, da diese nie bis zu einem Außenlager, sprich auf die Bunkeraußenwand reichte. Die Außenmauer ist in diesem Geschoß nur bis zur Parapethöhe aufgeführt. Diese Bauweise ist ungewöhnlich.

 

Das gesamte Bauwerk ist in vielerlei Hinsicht ein Rohbau. Auch Innen sind keine Ansätze einer Bezugsfähigkeit anzutreffen, weder Sanitäranlagen (Abort oder Waschräume) oder sonst bunkerspezifische Einrichtungen sind erkennbar. In den Etagen sind an den Außenwänden kleine Öffnungen zu sehen, die der Belüftung dienten. Die Schächte laufen versetzt ins Freie.

 

 

Interessant ist eine heftige Beschädigung durch eine Detonation, die alle Stockwerke, mit Ausnahme der oberen Zwischendecke durchbrochen hat. Ein Indiz, dass ein Sprengsatz nicht durch außen in den Bunker eindrang, sondern im Bunker gezündet wurde. Das rund 1 m im Durchmesser große Explosionsloch ist im zweiten Stock provisorisch verschlossen.

 

 

Laut einem Zeitungsartikel mietete sich in den 1960er Jahren ein Altwarenhändler in das obsolete Bauwerk ein und führte dort ein Möbellager. Der Turm soll den Tarnnamen „Flieder“ haben; nun wird er in der Umgebung von den Anrainern „Katzenburg“ genannt, da sich dort viele streunende Katzen einfinden. Mitunter ist der Bunker in der Vergangenheit aufgebrochen worden und von Obdachlosen zumindest für kurze Zeit belegt gewesen. In einem Zugangsbereich sind hieroglyphenhafte Zeichnungen angebracht, was auf eine temporäre Nutzung von Künstlern? hindeutet.

Ein Schaltkasten und ein paar Lichtleitungen und Lampen älteren Modells sprechen für eine offizielle Teilnutzung des leeren Bunkers. Die Feuerwehr hatte vor ein paar Jahren auch eine Begehung durchgeführt, bei der ich anwesend war. Nach 1995 wurden weite Teile des grauen Betonkolosses von einer Künstlergruppe mit bunten Farben bemalt; auf einer Fläche soll das schwarz/weiße Muster dem ORF-Testbild angeglichen sein.

 

Laut der Planungbehörde des „Reichsstatthalter in Wien“ vom 16.XI.1944 an die „Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien“ (Neues Rathaus) wurde bzg. des Standpunktes der Raumordnung des Großbunkers für den öffentlichen Luftschutz auf der angefordeten 1600 m 2 großen Fläche (40 x 40 Meter) in der Gerichtsgasse kein Einwand erhoben. Der Platz zählte zur Katastralgemeine Groß Jedlersdorf und gehörte der Brauerei Schwechat. So konnte das Bauvorhaben relativ rasch in Angriff genommen werden; wurde aber relativ spät, also Jahresende 1944, gebaut. Auch der „Polizeipräsident in Wien als örtlicher Luftschutzleiter“ war mit dem Projekt betreut.

Der nicht fertiggebaute Turm bleibt auf alle Fälle ein interessantes Bauwerk, deren Geheimnisse wir nach und nach lüften.

Wir haben viel Archivmaterial zusammengetragen, aus denen verschiedene interessante Baudaten hervorgehen.

Wesentlich für unsere Recherchen war die „LS-Schadensmeldung“ vom Luftangriff vom 15.2.45, wonach der Hochbunker im Bau „mittlere Schäden durch 7 Sprengbomben“ erhalten habe. Das erklärt, dass möglichweise das vertikale Durchschlagsloch, dass uns bei unserer Begehung auch auffiel, doch von einer durchschlagenden Fliegerbombe stammen könnte, die den Bunker voll in der Bauphase getroffen hat. Demnach könnte die darüber liegende Decke, die jedoch kein Einschlagsloch hat, erst nach dem Angriff errichtet worden sein?

 

Ob der Hochbunker neben seiner Rolle als Zivilschutzbauwerk überhaupt auch als Flakstellung gebaut worden war, geht aus den vielen gesammelten Aktenmaterialen nicht hervor. So ist es fraglich, ob der 1, 8 m im Durchschnitt befindliche Schacht in der Mitte des Turmes, überhaupt als Munitionsaufzug für Flakgranaten gedacht war?

 

Seit kurzer Zeit ist angedacht, diesen Bunker als Gedächtnisort sinnvoll zu nutzen. Die vor dem Bunker angebrachte Informationstafel ist schon der erste Schritt.

 

Text: Marcello La Speranza

Fotos: Forscherteam Wiener Unterwelten

Bildergalerie:

 

Ihr wollt noch mehr Einblicke in den Bunker erhalten?

Wir haben hier noch eine kleine Galerie mit Impressionen zusammengestellt.

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